Wer schon mal ein Foto von Rovinj gesehen hat, kennt auch den Glockenturm der Sv. Eufemija — diese schlanke, hohe Spitze im venezianischen Stil, die über der Halbinsel thront und von jedem Winkel der Altstadt in den Himmel zeigt. Sie ist das Höchste in Rovinj, das Erste, was du vom Hafen aus erkennst, und das Letzte, was am Abend noch im Licht steht.

St. Euphemia bell tower seen from Grisia Street in Rovinj's old town

Was aber kaum jemand weiß: Die Kirche darunter zählt zu den schönsten Beispielen des istrischen Küstenbarocks, und ihre Geschichte — von einem wundertätigen Sarkophag, der im Jahr 800 an den Strand gespült wurde, bis zur kupfernen Statue, die sich bis heute mit dem Wind dreht — ist mediterrane Legende pur. Hier erfährst du, wie du beide besuchst und worauf du drinnen achten solltest.

Kurz und knapp

  • Die Kirche ist kostenlos zugänglich; für den Aufstieg auf den Glockenturm wird Eintritt fällig.
  • Der Turm ist rund 60 m hoch. Hinauf geht's über 200-und-ein-paar enge Holzstufen, offen und durchsichtig — nichts für Leute mit Höhenangst. Für alle anderen: spektakulär.
  • In der Saison (Frühling bis Herbst) täglich geöffnet, im Winter eingeschränkt.
  • Die Statue der Sv. Eufemija auf der Spitze dreht sich mit dem Wind — die Einheimischen haben sie lange vor dem Smartphone als Wetterbericht genutzt.
  • Fest der Schutzheiligen: 16. September — die ganze Stadt feiert, und das ist der beste Tag, um gelebte Tradition zu erleben.

Der Glockenturm (und seine wandernde Heilige)

Purple and orange sunset over Rovinj cathedral with boats in the harbour

Der Turm, den du heute siehst, ist nicht der erste. Jahrhundertelang stand an dieser Stelle ein kleinerer, baufälliger Glockenturm, bis die Stadtverwaltung einen Neubau beim Mailänder Architekten Alessandro Manopola in Auftrag gab. Baubeginn war der 7. Oktober 1654, und mit einem weiteren Mailänder, Cristoforo Bellan, der die Arbeit zu Ende brachte, stand er 1687 fertig da. Dreiunddreißig Jahre Steinmetzarbeit — für etwas, das seitdem 340 Jahre steht.

Die Form ist klassisch venezianisch und folgt der Bildsprache des Campanile von San Marco in Venedig: ein langer senkrechter Schaft, etwa auf zwei Dritteln eine Loggia für die Glocken, darüber eine Balustrade und eine spitze Haube. Istrische Architekturhistoriker halten ihn bis heute für einen der schönsten Glockentürme Istriens.

Ganz oben steht eine 4,7 Meter hohe Kupferstatue der Sv. Eufemija, 1758 von den Gebrüdern Vallani aus Maniago in Form gehämmert. Sie ersetzte eine ältere Holzfigur, die ein Blitz zerstört hatte, und ist seither oben geblieben — heruntergeholt wurde sie nur ein einziges Mal, 1993, für eine vollständige Restaurierung. Ihr Kunststück: Sie steht auf einer Achse und dreht sich frei mit dem Wind. Bei schönem Wetter blickt sie aufs offene Meer im Westen und wacht über die Fischer draußen auf der Adria. Zieht ein Sturm auf, dreht sie sich landeinwärts, der Stadt zugewandt, und schützt Rovinj mit ihrer Brust.

Copper statue of St Euphemia on top of the bell tower overlooking Rovinj old town

Warum sie sich bei Unwetter ausgerechnet von Katarina abwendet, hat auch eine Geschichte. Die alten Rovinjerinnen erzählen, Sv. Eufemija und die heilige Katharina hätten einst denselben Mann geliebt — und er habe sich für Katharina entschieden. Wird das Wetter schlecht, dreht Eufemija ihr also den Rücken zu, mit einem knappen „Rangite!" — im Rovinjer Dialekt so viel wie „Seht selber zu!"

Die drei Glocken, die man in der Stadt hört, sind modern: 1994–95 in Innsbruck gegossen. Eine der originalen venezianischen Glocken, 1794 von der Familie Canciani in Venedig gegossen, wird aber als Reliquie in der Kirche aufbewahrt.

Der Aufstieg

Nach oben geht's über eine alte Holztreppe, die sich innen am Schaft entlangzieht — eng, steil und mit offenen Stufen (du siehst durch sie hindurch). Kein Aufzug, keine Kehren, einfach 200-plus Stufen und ab und zu ein Fenster zum Durchatmen. Körperlich ist das kein Hexenwerk — genug Großeltern schaffen es hoch — aber die durchsichtigen Stufen und die Höhe sind eine ordentliche Nervenprobe. Wer Höhenangst oder Schwindel hat, lässt es lieber. Alle anderen: Die Aussicht oben entschädigt für jedes Bauchkribbeln.

Looking up through the wooden stairwell inside St Euphemia bell tower

Noch ein Tipp: nicht um zwölf hochsteigen. Die Glocken sind schon auf Straßenniveau laut — einen Meter neben der Bronze oben sind sie schlicht schmerzhaft. Schau vorher auf die Uhr, bevor du loslegst.

Was dich oben erwartet: ein 360-Grad-Blick über die gesamte Halbinsel, auf den Hafen und die ACI-Marina im Osten, auf die 22 Inseln des Archipels im Westen (Sveta Katarina und Crveni otok sind gut zu erkennen), auf den Waldpark Punta Corrente im Süden und — an klaren Tagen — weit hinüber auf das Učka-Gebirge im Osten.

View from St Euphemia bell tower looking down at Rovinj harbour and colourful rooftops

Die Kirche

Den Turm kennt jede Postkarte, aber die Kirche selbst ist die eigentliche Hauptsache. Trittst du ein, stehst du mitten im Venedig des 18. Jahrhunderts.

The Baroque facade of St. Euphemia Church in Rovinj old town

Auf diesem Hügel steht seit über 1.000 Jahren eine Kirche. Die erste war ein kleiner einschiffiger Bau, dem heiligen Georg geweiht — sein Name steht bis heute im vollen Kirchentitel. Nachdem der Leichnam der Heiligen angeblich im Jahr 800 an Land gespült wurde (dazu gleich mehr), baute man Mitte des 10. Jahrhunderts eine dreischiffige Kirche darum herum.

Um 1700 boomte Rovinj — Fischerei, Schiffbau, Handel mit Venedig — und die alte mittelalterliche Kirche wirkte zu klein. Am 8. Dezember 1720 begann der Bau der neuen, größeren Barockkirche nach dem Entwurf des venezianischen Architekten Giovanni Scalfarotta. Als Scalfarottas Planung aus dem Budget lief, übernahm ein anderer Architekt, Giovanni Dozza, und vollendete den Bau 1736. Die Fassade kam viel später — zwischen 1861 und 1865 errichtete sie der Rovinjer Architekt Giacomo Depozza.

Die Maße geben dir ein Gefühl für die Dimension:

  • Länge: 51,11 m
  • Breite: 30,26 m
  • Höhe des Mittelschiffs: 17,71 m (Seitenschiffe 10,11 m)
  • Drei Schiffe, getrennt durch zwei Reihen mit je sechs Arkaden auf fünf Steinpfeilern

Die Fachleute zählen sie zum bedeutendsten Bauwerk des istrischen Küstenbarocks. Drinnen: grauer Stein, Arkaden und sieben Altäre, reich verziert von venezianischen Meistern.

Worauf du drinnen achten solltest

  • Der Sarkophag der Sv. Eufemija hinter dem ihr geweihten Altar — aus prokonnesischem Marmor, um das 3. bis 4. Jahrhundert in Aquileia gefertigt. Durch ein kleines Glasfenster an der Seite des Grabs siehst du ihren Körper, mit einer Wachsmaske über dem Gesicht, die 1953 der ungarische Künstler Mila Vod anfertigte. Ihr linker Arm fehlt — die Legende sagt, die Venezianer hätten ihn nach dem Genuesisch-Venezianischen Krieg (1378–1381), als die Genuesen ihre Reliquien zurückgaben, in ihrer Kirche San Kancian behalten.
  • Der Hauptaltar (1739–1741) des venezianischen Meisters Giacomo Laureato, mit Statuen des heiligen Georg, der den Drachen tötet, des heiligen Markus mit seinem Löwen und des heiligen Rochus mit seinem Hund — gemeißelt von Alvise Tagliapietra (Venedig, 1670–1747) und seinem Sohn Ambrogio.
  • Über dem Hauptportal die Orgel von 1754 — die einzige erhaltene Orgel des Muraneser Meisters Antonio Barbini, die den Großteil ihrer originalen Struktur bewahrt hat.
  • Drei restaurierte Gemälde im Chor, traditionell Pietro Pergolis aus Florenz zugeschrieben (Ende 16. Jahrhundert), darunter ein Letztes Abendmahl, das an Tizian und Bassano erinnert.
  • Über den Seitentüren eine Marmorkopie als Bas-Relief einer gotischen Skulptur, die Sv. Eufemija mit einem Modell von Rovinj in der Hand zeigt — das Original hängt an der Wand des Presbyteriums.

Die Legende vom treibenden Sarkophag

The plateau of St. Euphemia Church with the old Rovinj cemetery walls in the background

Die Heilige hinter allem war ein fünfzehnjähriges Mädchen aus Chalcedon (heute ein Stadtteil von Istanbul), Tochter eines Senators namens Filofron. Am 16. September 304 n. Chr. wurde sie während der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian gefoltert und getötet — der Legende nach gerädert, verbrannt, gesteinigt, mit dem Schwert gerichtet und wilden Tieren vorgeworfen.

Im 4. Jahrhundert wurde über ihrem Grab eine Basilika errichtet. Anfang des 7. Jahrhunderts brachte man ihren Sarkophag nach Konstantinopel, und 617 zerstörten die Perser die Kirche, in der er stand.

Sprung in die Nacht des 13. Juli 800. Laut einer Handschrift aus dem 12. bis 13. Jahrhundert, die heute in der Universitätsbibliothek von Pula liegt, trieb der marmorne Sarkophag mit dem Leichnam der Sv. Eufemija wie durch ein Wunder an die Küste von Rovinj. Die Einheimischen trauten ihren Augen nicht und spannten Ochsen davor, um den Sarg den Hügel hinaufzuziehen — am Ende schafften ihn zwei Kühe (so erzählt es die Legende) ganz allein, und sie folgten dabei einer „gottgegebenen Rinne" im Hang, die heute der Weg zur Kirche ist. Ein junger Mann, der mithelfen wollte, wurde vom Gewicht erdrückt; die Heilige heilte ihn auf der Stelle.

Seither verehrt Rovinj sie. 1379 raubten die Genuesen ihre Reliquien während des Genuesisch-Venezianischen Krieges; 1401 brachten die Venezianer ihren Leichnam zurück. Der Überlieferung nach sprang eine Schafherde vor Freude ins Meer und schwamm dem Schiff entgegen.

Das Plateau rund um die Kirche

Nach dem Besuch nicht gleich runterhetzen. Das Plateau — die ebene, gepflasterte Fläche rund um die Kirche — wurde Anfang des 18. Jahrhunderts im Zuge des Barockumbaus angelegt, und die wuchtige Stützmauer auf der Südseite trug einst den Hauptfriedhof von Rovinj. Noch bis ins späte 19. Jahrhundert wurde hier bestattet; ein paar nummerierte Grabsteine (I bis XVI) kann man bis heute sehen — gestiftet von Olivier Constantini, einem Rovinjer Geistlichen und Wohltäter des 18. Jahrhunderts.

Schon die Aussicht vom Plateau — ganz ohne Turmaufstieg — ist den Weg hinauf wert. Im Sommer ist es ein beliebter Sonnenuntergangs-Spot, im Winter meist menschenleer. Nimm im Juli und August eine Wasserflasche mit — die Grisia und die Bregovita gehen die ganze Strecke bergauf.

Wann du am besten kommst

Epic sunset over Rovinj with dramatic clouds and a boat in the foreground

  • Beste Tageszeit: früher Vormittag (kühl, wenig Leute, schönes Licht für Fotos drinnen) oder später Nachmittag (goldenes Licht auf dem Turm).
  • Fest der Sv. Eufemija — 16. September — ist der größte Tag der Stadt: morgens eine Prozession mit den Reliquien, feierliche Messe, und den ganzen Tag Stadtfest. Wenn du an dem Datum in Rovinj sein kannst, mach es.
  • Mittags im Juli und August meiden, außer es macht dir nichts aus, im Treppenhaus Schlange zu stehen.
  • Winter: Die Kirche ist offen, aber mit kürzeren Zeiten, und der Aufstieg kann bei Eis auf den Stufen geschlossen sein. Vorher nachfragen.

Tipp von uns

Halt auf dem Plateau kurz inne, bevor du auf den Turm steigst — dieser erste Blick auf die Stadt, eingerahmt von der Friedhofsmauer und einer Reihe Pinien, ist der, bei dem den Leuten die Luft wegbleibt. Den Turm machst du danach. Die meisten Touristen machen's andersrum, und du hast das Plateau eine Minute lang für dich.

Und: Schau vor dem Aufstieg nach oben zur Statue. Blickt sie aufs offene Meer, bleibt das Wetter ruhig. Dreht sie sich zur Stadt, nimm eine Jacke mit.

Praktisches

  • Eintritt Kirche: frei.
  • Turmaufstieg: wird an der Tür bezahlt.
  • Öffnungszeiten: in der Hochsaison grob 10:00–18:00, im Winter kürzer. Der Turm schließt vor der Kirche.
  • Kleidung: aktive Pfarrkirche. Schultern und Knie bedeckt. Mütze ab drinnen.
  • Hinkommen: vom Hafen die Grisia hoch oder von der Carera die Bregovita. Beides Fußgängergassen, die letzten 100 Meter geht's ordentlich bergauf.
  • Barrierefreiheit: Das Plateau ist nur zu Fuß über Kopfsteinpflaster erreichbar. Der Turmaufstieg ist nicht rollstuhlgerecht.

Wenn du oben warst, schlendere durch die Grisia wieder runter (die Künstlergasse der Altstadt, links und rechts winzige Galerien) und lass den Tag bei einem Kaffee an der Hafenpromenade ausklingen. Das ist der klassische halbe Tag in Rovinj, in der richtigen Reihenfolge.

Mehr zur Altstadt findest du in unserem Spaziergang durch die Altstadt. Wenn du einen ganzen Tag planst, steht im Artikel Was man in Rovinj unternehmen kann der Rest der Liste.